Tschaikowsky's "Eugen Onegin" in Flensburg
Schleswig-Holsteinische
Landestheater und Sinfonieorchester GmbH
Spielzeit 2002/2003 - Generalintendant Michael Grosse
www.sh-landestheater.de
Libretto nach A. Puschkin von K. Schilowsky
Musik von Peter I. Tschaikowsky
Uraufführung 29.03.1879 in Moskau
Tatjana (Ruxandra Urderean) gesteht in einem Brief Onegin (Ansgar Hüning / Jörg Sändig) ihre leidenschaftliche Liebe, doch er erwidert ihre Gefühle nicht. In einer Gesellschaft, die ihn langweilt, tanzt Onegin unentwegt mit Tatjanas temperamentvoller Schwester Olga (Eun-Jin Seo), der Braut seines Freundes. Der sensible Dichter Lensky (Giuseppe Jacovo) fordert Onegin deshalb zum Duell ...
In Tschaikowskys meistgespielter Oper dominieren die lyrischen und wehmütigen Töne. Zu verhaltener Leidenschaft und Melancholie bilden frische Chöre mit nationaler Note und Tänze wie die berühmte Polonäse einen wirkungsvollen Kontrast.
- Musikalische Leitung: Gerard Oskamp
- Inszenierung: Harald Höferl
- Bühnenbild: Wilfried Sakowitz
- Kostüme: Martina Lüpke
- Chor: Raimund Heusch
- Choreographie: Stela Korljan
- Die Larina, verwitwete Gutsbesitzerin: Elisabeth Hau-Villebois
- Tatjana, ihre Tochter: Ruxandra Urderean Olga,
- ihre Tochter :Eun-Jin Seo
- Filipjewna, die Njanja (Kinderfrau): Helga Schmidt
- Eugen Onegin,ein junger Gutsherr: Ansgar Hüning / Jörg Sändig
- Der alte Onegin: Ralf Hutter
- Wladimir Lensky, sein Freund, Poet: Giuseppe Jacovo
- Fürst Gremin: Jacek Janiszewski / Markus Wessiack
- Ein Hauptmann: Krysztof Wakarezi
- Saretzki, ein Sekundant: Lucian Cristiniuc Triquet
- ein Franzose: Helmut Tromm
Wo blieb der Friede meiner Seele?
Eugen Onegin, gequält von Schuldgefühlen, erinnert sich an die schicksalhaften Geschehnisse seiner Jugend.
Der Dichter Lensky (Giuseppe Jacovo) stellt seinem Freund Onegin (Ansgar Hüning/ Jörg Sandig) die beiden Töchter der verwitweten Gutsnachbarin Larina (Elisabeth Hau-Villebois) vor: seine lebenslustige Braut Olga (Eun-Jin Seo), mit der ihn eine Freundschaft aus Kindertagen verbindet, und deren schwärmerisch veranlagte Schwester Tatjana (Ruxandra Urderean).
Tatjana hat wie alle jungen Menschen Träume und Sehnsüchte. Die Poesie und die Phantasiewelt der Romane sind ihr Refugium vor der tristen Wirklichkeit. Die Begegnung mit Onegin wird für Tatjana zum emotionalen Höhepunkt ihres bisherigen Lebens: In ihm glaubt sie die Verkörperung ihrer Ideale zu finden.
Mutig ergreift sie die Initiative und gesteht Onegin in einem Brief ihre leidenschaftliche Liebe. Er erwidert jedoch ihre Gefühle nicht. Für Tatjana bricht die Welt zusammen.
Monate später, zur Feier von Tatjanas Namenstag, sind Lensky und Onegin wieder bei der Larina zu Gast. Onegin, der sich in der provinziellen Gesellschaft langweilt, tanzt ständig mit der temperamentvollen Olga. Für Lensky jedoch ist der vermeintlich harmlose Scherz bitterer Ernst. Er fordert den Freund zum Duell. Onegin wird sich über seine wahren Empfindungen für Lensky klar - er liebt den Freund. Doch die Katastrophe scheint unabwendbar...
Tatjana findet durch die Heirat mit dem Fürsten Gremin nicht das einst ersehnte Liebesglück, jedoch eine gesellschaftlich geachtete Position und moralischen Halt.
Onegin muss der Tatsache ins Auge sehen, dass er sein Leben selbst zerstört hat.
Tschaikowsky begann unmittelbar nach der Lektüre des Versromans von Alexander Puschkin im Mai 1877 mit der Komposition seines "Eugen Onegin". Er sah in dem Stoff "ein intimes, aber kraftvolles Drama, das auf Konflikten beruht, die ich selbst erfahren habe und die mich im Innersten berühren." Das Werk hat eine autobiographische Parallele, die zu Tschaikowskys verhängnisvoller Ehe und der folgenden tiefen Krise führte.
Zur Handlung
1. Akt
Der alte Eugen Onegin, gequält von Schuldgefühlen, denkt an die schicksalhaften Geschehnisse seiner Jugend. Bilder der Erinnerung werden lebendig.
1. Bild
Ein Lied weckt bei den Schwestern Tatjana und Olga sehnsuchtsvolle Empfindungen, während ihre Mutter und die Amme sich der eigenen Jugend erinnern. Die Mädchen hoffen noch auf Liebeserfüllung und Glück - die beiden reifen Frauen haben beides nicht erfahren.
Im Gegensatz zu der schwärmerisch veranlagten und oft schwermütigen Tatjana versteht es Olga, aus jedem Tag das beste zu machen und die heiteren Seiten des Lebens zu genießen.
Tatjana lebt in einer Phantasiewelt der Poesie. Die Lektüre von Romanen wird ihr zum Ersatz wirklichen Lebens und zum Refugium vor der tristen Realität. Die Mutter versteht das Mädchen, dessen Gefühlswelt ihr wie ein Spiegel ihrer eigenen Jugend erscheint.
Das Gespräch der Frauen wird durch die Ankunft des Dichters Lensky unterbrochen, der seinen Freund und Gutsnachbarn Eugen Onegin mitbringt. Tatjana ist von der Erscheinung Onegins fasziniert. Lensky beteuert Olga, mit der ihn eine Freundschaft aus Kindertagen verbindet, wortreich seine Liebe. Onegin fühlt sich seit seiner Jugend zu Lensky hingezogen und sieht dessen Hinwendung zu Olga mit Missmut. Er erzählt Tatjana von seiner freudlosen Jugend, die er der Pflege des Onkels opfern musste. Doch die Konversation zwischen ihnen bleibt für Onegin unverbindlich.
2. Bild
Am Abend findet Tatjana keine Ruhe. Die Begegnung mit Onegin hat sie emotional zu stark erregt. Vergebens sucht sie Rat bei der Amme - im Leben dieser einfachen Frau gab es keinen Platz für die Liebe. Allein zurückgeblieben entschließt sich Tatjana, Onegin ihre leidenschaftlichen Gefühle zu gestehen. Sie schreibt ihm mutig und offenherzig einen Liebesbrief. Am nächsten Morgen bittet sie die Amme, den Brief Onegin zu überbringen.
3. Bild
Tatjana wartet mit Herzklopfen auf die Reaktion Onegins. Er gibt ihr deutlich zu verstehen, dass er ihre Gefühle nicht erwidern kann und nicht für die Ehe geschaffen sei. Die Liebe hat keinen Bestand, die Träume sterben - das ist Onegins nihilistisches Credo. Für Tatjana bricht die Welt zusammen.
2. Akt / 4. Bild
Im Hause der Larina wird Tatjanas Namenstag gefeiert. Unter den Ballgästen sind auch Lensky und Onegin. Onegin, der sich in der provinziellen Gesellschaft langweilt, tanzt demonstrativ mit Olga, um aus Enttäuschung Lensky zu provozieren. Der Franzose Triquet trägt unter dem Beifall der Gäste ein Couplet vor, das er zu Ehren Tatjanas selbst komponiert hat. Lensky wird immer eifersüchtiger und fühlt sich durch den vermeintlich harmlosen Scherz Onegins in seiner Ehre verletzt.
Die Situation eskaliert - er fordert den Freund zum Duell. Lensky muss begreifen: Das Leben ist kein Roman. Die Ideale sterben. Er nimmt Abschied von Olga.
5. Bild
Vor dem Duell zieht Lensky die ernüchternde Bilanz seines jungen Lebens: Bald wird er als Mensch und Dichter vergessen sein. In der Hoffnung, dass er durch seine Liebe zu Olga in ihren Gedanken und Gefühlen weiterleben wird, ist er bereit, sein Schicksal anzunehmen - bereit zum Tod.
Onegin kommt. Er empfindet ebenso wie Lensky die Sinnlosigkeit des bevorstehenden Duells. Doch keiner von ihnen findet die Kraft und den Mut zur Versöhnung. Onegins Kugel trifft den zögernden Lensky, den geliebten Freund, tödlich.
3. Akt / 6.Bild
Ein Alptraum quält den alten Onegin noch viele Jahre später: die Erinnerung an den Tod Lenskys und das Bewusstsein der eigenen Schuld. Ruhelos flieht er vor sich selbst.
Auf einem Ball begegnet Onegin Tatjana wieder - der alternde Fürst Gremin präsentiert sie als seine Gattin. Onegin ist fasziniert: aus dem unscheinbaren Mädchen vom Lande ist eine schöne, reife Frau geworden, die im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens steht. Gremin preist die Macht der Liebe. Durch Tatjana hat sein Leben einen Sinn bekommen.
Irritiert bemerkt Onegin, dass er für Tatjana jetzt, da sie gebunden ist, plötzlich eine leidenschaftliche Liebe empfindet.
7. Bild
Tatjana hat Briefe von Onegin erhalten, in denen er ihr seine Gefühle offenbart. Nun sucht er die persönliche Begegnung mit ihr. Tatjana, die in der Ehe keine Liebeserfüllung gefunden hat, gerät in einen schweren inneren Konflikt. Sie liebt Onegin noch immer, doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Aus dem schwärmerischen Mädchen ist eine realistisch denkende Frau geworden. Damals war das Glück so nahe - jetzt ist es unerreichbar. Tatjana entscheidet sich für Pflicht und Ehre. Wie sehr Onegin sie auch bedrängt - sie findet die Kraft, ihn zurückzuweisen.
Verzweifelt begreift Onegin, dass er sein Leben verfehlt hat. Er erschießt sich.
Quellen:
Everett Heim: Tschaikowsky, Reinbek bei Hamburg 1976;
Peter Tschaikowsky: Eugen Onegin/ Texte, Materialien, Kommentare, Hrsg. Attila Csampai/ Dietmar Holland, Reinbek bei Hamburg 1985; Nikolai Kaschkin: Meine Erinnerungen an Tschaikowsky, Berlin 1992; Cathérine Clément: Die Frau in der Oper, Stuttgart 1992
Junge Mädchen schreiben Briefe
Tatjana ist allein. Die Celli zögern wie sie, hüllen sie ein, und die lange, sehr lange Phrase beginnt, die durch langsam steigende Tonleitern das junge Mädchen bis zum Höhepunkt der verliebten Leidenschaft trägt. Unterstrichen von ruhigen Flöten, von süßen Oboen, wird der Brief geschrieben, während Tatjana im Rhythmus einer über das Papier eilenden Feder singt. Das Schicksal hat entschieden, er ist es, er ist Gott, wir sind es, ein Traum, ein Engel, oder ein Teufel.... Worte ohne Folge, Worte im Gleichgewicht mit der Musik, Worte der Liebe für niemanden, für ein Gespenst der Liebe.
Mit abwesendem Körper, angefüllt mit dem Nichts, das diese Oper bestimmt, der Leere jugendlicher Leidenschaften und ihrer vergeblichen Heftigkeit, schreibt Tatjana einen Brief. Junge Mädchen schreiben Briefe. In der Oper werden oft Briefe geschrieben. Aber sie sollen einen Sinn haben, eine Intrige hervorrufen, die Personen zu der Handlung drängen, die das Libretto voranbringen: Briefe wegen eines Rendezvous, Erkennungsbriefe einer Heldin, die ihre Familie verloren hat, falsche Briefe des Verräters. Du siehst nicht, wie sie geschrieben werden, denn einzig der Sinn ist von Bedeutung. Mit Tatjana ist das anders: Sie schreibt, darin liegt die Handlung. Sie schreibt, darin liegt die Verwicklung und ihr Herz. Der kurze Augenblick, die wenigen Minuten einsamen Gesangs ersetzen eine ganze lange Liebesnacht: die einzige und einzigartige Liebesnacht. Ihr wirklicher geflügelter Sprung, ihr "schwebender Flug". Auf der anderen Seite der Nacht ist sie neu, wie eine Blume, die aus den Wurzeln der Berge wächst. Sie ist gut genug, enttäuscht zu werden. Bereit für den eigentlichen Akt der Verführung. Nein, die Verführung ist nicht nur der Akt, sich lieben zu lassen, wenn man nicht liebt; vor allem lässt sie den, der einen liebt,wissen, dass man ihn nicht liebt. Den Schwung unterbrechen, die Flügel stutzen, den Hals umdrehen, und auf dass das junge Mädchen die Enttäuschung in sich tragen und auf ewig misstrauisch sein möge.
Es ist Morgengrauen. Die Amme kommt wieder, Tatjana ist schöner denn je. Ein wenig blass: die Amme ist beunruhigt. Tatjana vertraut ihr den Brief an, wie man sich ins Leere stürzt. Wer hat noch nie mit klopfendem Herzen einen Brief in ein unwiderrufliches Loch geworfen und die Seele angesichts der Unwiderrufbarkeit weit geöffnet? Als Onegin, der zu väterlich ist, um beleidigend zu sein, mit Tatjana aus der Höhe seines fortgeschrittenen Alters herab spricht und ihr eben sagt, dass ein junges Mädchen seine Träume sehr wohl durch andere ersetzen könne, hat sie nur ein Wort zur Antwort: "Welche Schande..." Es ist schon zu Ende. Der Rest - der Ball, das Duell, die höfischen Walzer von St. Petersburg - sind nur noch Bestätigungen, Umwege. Alles ist gespielt. Als Onegin Tatjana schließlich als seiner würdig erachtet, bleibt nur eine zeitliche Verschiebung. Sie liebte ihn, er liebte sie nicht; er liebt sie, sie ist nicht mehr frei. Der Vorhang fällt über die Jugendliebe; das junge Mädchen gibt es nicht mehr.
Cathérine Clément
Ich pfeife auf Effekte
Im Frühjahr 1877 lernte Tschaikowsky den Versroman "Eugen Onegin" von Alexander Puschkin (1799-1837) kennen. Seine Begeisterung war so groß, dass er sofort ein Opernszenarium nach diesem Poem entwarf. Tschaikowsky setzt jedoch andere Akzente als Puschkin. Während der Dichter mit spöttisch-ironischer Distanz ein Gesellschaftbild vom Russland der damaligen Zeit entwirft, zeichnet der Komponist musikalische Psychogramme und lässt seine Figuren zum Spiegel eigener seelischer Befindlichkeiten werden. Tschaikowsky betrat mit dieser inhaltlich-ästhetischen Konzeption, die auf äußeren Aktionismus, imposante Massenszenen und ähnliche erfolgversprechende Zutaten verzichtet, Neuland. Er bezeichnete sein Seelendrama im Gegensatz zur großen Oper bewusst als Lyrische Szenen. `Ich arbeitete mit unbeschreiblicher Hingabe, Begeisterung und kümmerte mich wenig um Bewegung, Effekte usw.'' schrieb Tschaikowsky an Sergej Tanejew. "Ich pfeife auf Effekte! Ich brauche keine Zaren, Zarinnen, Volksaufstände, Schlachten, Märsche, mit einem Wort alles das, was mit dem Attribut Grand opéra bezeichnet wird. Ich suche ein intimes, aber starkes Drama, das auf Konflikten beruht, die ich selber erfahren habe, die mich im Innersten berühren."
Einen Schlüssel zum besseren Verständnis des Werkes finden wir in der Persönlichkeit und den damit verbundenen individuellen Problemen des damals 37jährigen Tschaikowsky. An seinen Bruder Modest schrieb er im September 1876: "Vom heutigen Tag an werde ich alles mögliche tun, um irgendjemanden zu heiraten. Ich weiß, dass meine Neigungen das größte und unüberwindlichste Hindernis für mein Glück sind, und ich muss mit allen meinen Kräften gegen meine Veranlagung ankämpfen." Aus diesen Zeilen lässt sich unschwer folgern, dass Tschaikowsky in einer Scheinehe die einzige Möglichkeit sah, seine Homosexualität zu verstecken, um ein "normales" bürgerlichen Leben zu führen und gesellschaftliche Akzeptanz zu finden. 1877, als er am "Onegin" arbeitete, erhielt er leidenschaftliche Liebesbriefe von einer Schülerin des Konservatoriums, Antonina Miljukowa - eine merkwürdige Duplizität zur Situation Tatjana-Onegin in der Oper. "Die Gestalt der Tatjana erschien mir lebendig mit allem, was sie umgab. Ich liebte Tatjana und war über Onegin empört", äußerte Tschaikowsky. Er wollte Antonina nicht so herzlos abweisen, wie es Onegin mit Tatjana tat - und heiratete sie. Das Zusammenleben mit der ungeliebten Frau wurde für Tschaikowsky jedoch zur Katastrophe, Nervenzusammenbrüche und Depressionen waren die Folge. Nach drei Monaten verließ er Antonina für immer.
In der für ihn wohl schwersten Krise seines Lebens fand Tschaikowsky Trost und Halt durch die Brieffreundschaft mit der verwitweten Nadjeshda von Meck, einer Verehrerin seiner Kunst, die ihm eine Rente von jährlich 6000 Rubeln aussetzte. Der Briefwechsel umfasst mehr als 1000 Briefe und währte 13 Jahre. Tschaikowsky und Frau von Meck sind einander nie persönlich begegnet.
Tschaikowsky - ein melancholischer Romantiker?
Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893) verhalf der russischen Musik zu Weltruhm. Sein Schaffen umfasst u.a. sechs Sinfonien, die bekannten Ballette "Schwanensee", "Dornröschen" und "Der Nussknacker" sowie insgesamt zehn Opern, von denen sich in Deutschland jedoch nur "Eugen Onegin" und "Pique Dame" durchgesetzt haben. Zeit seines Lebens war das Werk Tschaikowskys umstritten. Während seine gefühlsbetonte Klangsprache im Ausland als Inkarnation der russischen Musik galt, tadelten ihn seine Landsleute, vor allem die Komponisten des "Mächtigen Häufleins", als abtrünnigen Westler. In Wirklichkeit trug Tschaikowsky entscheidend zur Erneuerung der russischen Musik bei, allerdings vom akademischen Standpunkt aus. Er betrachtete die Kenntnis der westeuropäischen Musikgeschichte, ihrer ästhetischen und formalen Grundlagen als Voraussetzung für die Schaffung einer professionellen nationalen Kunstmusik, während die Novatoren weitgehend musikalische Autodidakten waren.
Tschaikowsky fand relativ spät seine eigentliche Bestimmung. Er besuchte dem Wunsch seiner Eltern entsprechend in St. Petersburg eine Rechtsschule und nahm eine Stellung als Beamter an. Hatte er sich bisher nur am Rande für Musik interessiert, so brachte das Jahr 1862 die entscheidende Wende in seinem Leben: Er begann seine Studien an dem von Anton Rubinstein neugegründeten Petersburger Konservatorium, unternahm erste Kompositionsversuche und erhielt 1865 sein Diplom. Im folgenden Jahr übersiedelte er nach Moskau und unterrichtete dort an dem von Nikolai Rubinstein gegründeten Konservatorium Musiktheorie. Er begann ernsthaft zu komponieren, unternahm Auslandsreisen und betätigte sich als Musikkritiker. So reiste er u.a. 1876 zu den ersten Wagner-Festspielen nach Bayreuth. Dank der Unterstützung durch Frau von Meck konnte Tschaikowsky 1878 seine Unterrichtstätigkeit am Konservatorium aufgeben und sich vollständig dem Komponieren widmen. Reisen führten ihn in den folgenden Jahren durch ganz Europa und nach Amerika. Er hatte international Erfolg - als Komponist und zunehmend auch als Dirigent. Tschaikowsky war sensibel, schüchtern und einsam, oft melancholisch und depressiv, zeitweise versucht, seinen Weltschmerz mit Hilfe von Alkohol zu überwinden. Eine schwere menschliche Enttäuschung musste er hinnehmen, als seine Gönnerin, Nadjeshda von Meck, unter dem Vorwand, sie habe ihr Vermögen verloren, 1890 den Kontakt zu ihm abbrach.
Noch das letzte Lebensjahr Tschaikowskys war erfüllt von Arbeit. Er komponiert u.a. seine 6. Sinfonie (Pathétique), trat vielfach als Dirigent auf und wurde Ehrendoktor der Universität Cambridge, Am 6. November 1893 starb er in St. Petersburg an Cholera - angeblich nach dem Genuss eines Glases unabgekochten Wassers. Über die Hintergründe seines Todes existieren bis heute kontroverse Auffassungen. Für die Annahme, sein Tod sei Selbstmord, gibt es Indizien, aber keinen endgültigen Beweis.
Folgender Kommentar wurde mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Hartmann und seinen Opern-und-Konzerte Seiten übernommen:
"Ich verdiene Verachtung"
Peter Tschaikowskij zur Zeit der Entstehung
seiner Oper "Eugen Onegin"
"Vom heutigen Tag an werde ich alles mögliche tun, um irgend jemanden zu heiraten. Ich weiß, dass meine Neigungen das größte und unüberwindlichste Hindernis für mein Glück sind, und ich muss mit allen meinen Kräften gegen meine Veranlagung ankämpfen. Ich werde Unmögliches zustande bringen, um mich noch in diesem Jahr zu verheiraten, und wenn ich dazu nicht genügend Mut aufbringe, werde ich in jedem Fall auf meine Gewohnheiten verzichten. Der Gedanke, dass jene, die mich lieben, sich meiner manchmal schämen, trifft mich tödlich. Es ist hundertmal geschehen und wird noch viele hundertmal geschehen
Mit einem Wort, ich möchte durch eine Heirat oder eine offizielle Verbindung mit einer Frau das ganze Pack zum Schweigen bringen, das ich zwar verachte, das aber den Menschen, die mir nahestehen, Kummer bereiten kann. Doch ich stecke zu tief in meinen Gewohnheiten und Vorlieben, als dass ich sie mit einem Schlag wie einen alten Handschuh wegwerfen könnte. Ich habe keinen sehr festen Charakter, und seit meinem letzten Kampf habe ich bereits dreimal meinen Neigungen nachge-geben."
Tschaikowskij im Herbst 1876 an seinen Bruder Modest
Initialzündung zur Oper "Eugen Onegin" war die spontane Äußerung einer Professorenkollegin am Moskauer Konservatorium, die Puschkins Versdichtung im Gespräch als möglichen Opernstoff vorschlug. Tschaikowskij tat diese Idee zunächst als wahnwitzig ab, doch wie nicht selten blieb der zunächst vehement abgelehnte Gedanke virulent: der Komponist kaufte sich den Puschkin-Band, verschlang ihn und entwarf im Nu ein Szenarium (wie auch das spätere Libretto zu großen Teilen auf seine eigenen Ideen zurückging). Die Idee war in der Tat ungewöhnlich: Puschkins Dichtung schien und scheint auf den ersten Blick, und rein äußerlich betrachtet, nicht gerade eine geeignete Vorlage für eine bühnenwirksame Oper. Im distanziert berichtenden Erzählgestus verfasst, ermangelte sie jeglicher Grundlage für große Operntableaus, und durch Puschkins ironischen Ton scheinen seine Figuren dem Leser merkwürdig fern zu stehen. "Eugen Onegin" wurde Tschaikowskijs Lieblings-, aber auch Schmerzenskind. Ohne durch konkrete Anwürfe dazu veranlasst zu sein, verteidigte er die entstehende Oper mehrfach: es sei ihm klar, dass sie nicht bühnenwirksam und vermutlich zum Misserfolg verurteilt sei.
Der Komponist wollte sein Werk keiner großen Opernbühne zur Uraufführung anvertrauen, sondern orientierte auf eine Aufführung am Moskauer Konservatorium mit jungen, frischen, noch nicht von der Konvention verdorbenen Kräften. Die Bestrebungen, seinen "Onegin" als etwas Besonderes darzustellen und gleichsam gegen die rauhen Stürme des Bühnenschlendrians zu schützen, sind sicher aller Ehren wert. Indessen: obwohl Tschaikowskijs Oper viele ungewöhnliche Elemente aufweist vor allem im hohen Grad an musikalischer Psychologisierung unter Verzicht auf die Elemente konventioneller Operndramaturgie ; als Reformprojekt war dieses Werk nicht gedacht. Nein, es muss wohl ein anderer Grund gewesen sein, der Tschaikowskij dazu trieb, sich in diesen Stoff geradezu zu verbeißen und seine Oper im voraus gegen Widerstände und Missverständnisse zu verteidigen. Und tatsächlich ist die Entstehung der Oper "Eugen Onegin" eng mit Tschaikowskijs Biographie verknüpft.
"Vom heutigen Tag an werde ich alles mögliche tun, um irgend jemand zu heiraten." Es klingt alles so entschlossen, dass man es geradezu in Frage stellen muss. Hatte doch der ältere Bruder dem jüngeren, ebenfalls homosexuellen Modest mehr als einmal dozierend die Vorteile "normalen" Lebens dargestellt (Aber auch Du musst gut darüber nachdenken. Bougromanie [ein damals üblicher Ausdruck für Homosexualität] und Pädagogik können sich nicht miteinander vertragen.)
Der ältere Bruder wollte mit seinen Heiratsplänen wohl auch dem jüngeren ein Vorbild sein, um dessen Karriere er fürchtete. Auch dem zweiten Bruder, Anatolij, berichtet er offen über die Auseinandersetzung mit seiner Veranlagung; allerdings schimmert hier ein gewisses Maß an Selbstmitleid durch.
"Und wahr ist auch, dass die verfluchte Homosexualität zwischen mir und den meisten Menschen einen unüberschreitbaren Abgrund bildet. Sie verleiht meinem Charakter Entfremdung, Angst vor Menschen, Furchtsamkeit, unermessliche Schüchternheit, mit einem Wort, tausend Eigenschaften, durch die ich mehr und mehr menschenscheu werde. Stell dir vor, dass ich jetzt häufig und längere Zeit hindurch bei dem Gedanken an ein Kloster oder etwas Ähnliches verweile."
In dieser Seelenstimmung, die auch heute besonders in der Phase der Selbstvergewisserung und bei "versteckt" oder unter großem Leidensdruck lebenden Homosexuellen nicht selten ist, wurde Tschaikowskij von Worten getroffen, die zwar Irritation und Verlegenheit auslösten, aber auch einen vermeintlichen Ausweg wiesen.
"Wo ich auch bin, nie werde ich Sie vergessen können, nie werde ich aufhören, Sie zu lieben. Was ich an Ihnen liebe, kann ich sonst nirgendwo finden, mit einem Wort, nach Ihnen will ich keinen anderen Mann mehr ansehen."
So schrieb Antonina Iwanowna Miljukowa, eine unauffällige Schülerin des Konservatoriums, die sich in den Komponisten, der sich ihrer kaum mehr erinnerte, verliebt hatte. Auf die Briefe, die er im Sommer 1877 von ihr erhielt, reagierte Tschaikowskij höflich-kühl; verständnisvoll, doch abweisend auf die eigentlichen Liebeserklärungen ging er gar nicht ein. Doch die junge Frau insistierte.
"Seit ich Ihren letzten Brief gelesen habe, liebe ich Sie noch viel mehr, und Ihre Fehler erschüttern mich nicht.
Ich brenne vor Verlangen, Sie zu sehen, ich kann es nicht abwarten.
Ich möchte Ihnen um den Hals fallen, Sie küssen.
Ich schwöre Ihnen, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes ehrlich bin."
Am 6. Juli 1877 heiraten Tschaikowskij und Antonina Iwanowna. Es wird eine kurze, katastrophale Ehe, eine tragische Episode in des Komponisten Leben, die ihn an den Rand des Freitodes brachte und zur fluchtartigen Abreise ins Ausland trieb. Denn die fixe Idee, sich um jeden Preis verheiraten zu wollen (einen Preis, den nicht nur er, sondern auch seine Frau zu zahlen hatte), konnte nur scheitern. Es folgen bittere, aber auch notwendige Worte (an Bruder Modest im Oktober 1877):
"Ich verdiene Verachtung, weil solch einen Wahnsinn, wie ich ihn vollbracht habe, nur ein ausgemachter Dummkopf, ein verrückter Waschlappen vollbringen kann."
Diese "Selbstkritik" war, wie auch anders, ein wichtiger Schritt zu abgeklärterer Einsicht, die er in einem Brief an Anatolij vom Februar 1878 zu dem Zeitpunkt, an dem er die "Onegin"-Partitur gerade abschloss! formuliert:
"Erst jetzt, besonders nach der Geschichte mit der Heirat, beginne ich endlich zu begreifen, dass es nichts Fruchtloseres gibt, als nicht der sein zu wollen, der man seiner Natur nach ist."
Kein Zufall also, dass der "Onegin"-Stoff Tschaikowskij gerade in dieser Phase seines Lebens so gefangen nahm. Auf sehr differenzierte Weise gingen seine persönlichen Erfahrungen in die sensible Zeichnung der Figuren und Vorgänge seines Bühnenwerkes ein. Im "wirklichen Leben" konnte von sublimer Tragik indessen keine Rede sein: Tschaikowskijs Frau reagierte auf die Trennung im September 1877 mit unerbittlicher, andauernder übler Nachrede.
"Eugen Onegin" wurde, nach einigen Verzögerungen, durch die Studenten des Konservatoriums am 17. März 1879 auf der kleinen Bühne des Maly-Theaters in Moskau uraufgeführt. Zwei Jahre später gelangte das Werk dann doch auf die kaiserliche Bolschoi-Bühne, darauf nach Sankt Petersburg, Prag, später (1892) unter anderem auch nach Deutschland (Erstaufführung in Hamburg unter Gustav Mahlers Leitung, nachdem sich der Komponist mit "Unpässlichkeit" entschuldigt hatte). Der Komponist ist nun ein weithin berühmter Mann und geachteter Künstler. Doch Verletzungen bleiben:
"Meine Seele ist
in einer Weise verwundet, dass ich mich davon wie mir scheint nie mehr erholen werde. Streng genommen glaube ich, dass ich als Mensch erledigt un homme fini bin. Ich werde natürlich am 1. September 1878 ins Konservatorium zurückkehren, ich werde wie ehemals Harmonielehre unterrichten, werde mich in der Umgebung von alten Freunden wohlfühlen, doch es wird nie wieder wie früher sein. Irgend etwas ist in mir zerbrochen, die Flügel sind gestutzt, und ich werde sicherlich keine großen Höhenflüge mehr unternehmen können."
Der Text entstand für das Programmheft "Eugen Onegin" am Theater Görlitz 1998 (Inszenierung Peter Wittig). Briefe zitiert nach Nikolai Kaschkin und Alexander Poznansky.