Tenoratorio Solothurn
Neue Mittelland Zeitung, 15. August 2000 - Tenoratorio Solothurn, Seite 17
Singende Botschafter aus der Ukraine gaben mit ihren Kollegen aus der Schweiz und Deutschland am Sonntag auf der St.-Ursen-Treppe ein Gratiskonzert und lockten viel Publikum vor die imposante Kutisse der St.-Ursen Kathedrale. Auf dem Bild rechts singt Holger Marks, während Raimonds Spogis und Dimitri Ageev auf ihren Einsatz warten.
Fotos: Andrea Hunziker
Das einzigartige Bühnenbild zum schweizerisch- ukrainischen Kulturevent "Tenoratorio" stammt aus dem Jahre 1773, die Bühne selbst besteht aus dreimal elf Stufen. Auf dem Holzpodium zu Füssen der St.-Ursen Treppe gruppiert sich das Sinfonieorchester aus Kiew. Damen im ärmellosen Schwarzen und Herren, die ihren Einsatz im weissen Oberhemd und mit Sonnenbrille erwarten. Einzig Dirigent Vladimir Sheiko trotzt der brütenden Hitze in voller Frack-Montur. Paukenschläge lenken den Blick vom Orchester zu den grünen Kirchenpforten. Aus dem mittleren Portal schreitet ein in Samt and Seide gewandeter Feudalherr.
Die silbernen Knöpfe funkeln im Sonnenlicht.
Alexandr Monastirsky, schönstimmige Tenorhoffnung der Ukraine, bittet im Eingangsteil von Jean Gilles "Requiem" um die ewige Ruhe für die Toten. Begleitet von Ballerina Monique Vincent and Ballettstar Georges Sapko, die mit fliessender Eleganz and traumwandlerischer Sicherheit von Stufe zu Stufe tanzen.
Graziös verbeugt sich Monastirsky vor Vadim Volkov, der Bassist zieht den mit weissen Federn verbrämten Dreispitz. Vergangenheit and Gegenwart werden kurz eins, eine ähnliche Szene könnte sich vor zweihundert Jahren abgespielt haben.
Zu Lebzeiten Bachs, dessen 250. Todestag auch seine Zeitgenossen Vivaldi and Telemann ins Bewusstsein rückt. In Vivaldis reichinstrumentiertem Oratorium "Juditha triumphans devicta Holofernis barbarie" triumphiert nicht Judith, sondern Holofernes - Vadim Volkov mit warm timbriertem Bass-Bariton. Sekundiert von Tenor Bernhard Hunziker and Bassist Taras Shtunda, legt er Zeugnis von Vivaldis unerschöpflichem Ideenreichtum and grandiosem Bühneninstinkt ab. Drei Sänger, die Koloraturen nicht als Kraftmeierei und Selbstzweck missbrauchen, sondern die Stimmen leicht and kontrolliert führen. Nicht nur "Judith" ist unauflindbar, die von Regisseur Franz Lindauer inszenierte "Alliance of Music, Dance and Monuments" kommt ohne Primadonna aus. Verschmelzung total, auch im Innern der Kathedrale zelebrieren die prmii uomini...
Die Entdeckung des Tages heisst Holger Marks. Der technisch und stilistisch brilliante Interpret mit dem einschmeichelnden Timbre zählt zu den kommenden Bachsängern. Die Tenorarie aus Telemanns "Donnerode" and die Arie des Uriel aus Haydns "Die Schöpfung" lässt keine Wünsche offen. Bezaubert selbst den Securitas-Mann und den Jüngling, der sein Volo unbehelligt zum Kronenstutz schiebt. Vor dem Finale ein Triumph der Tenöre: Wunderbar Bernhard Hunziker mit "Preces meae", Jubel für den "Zürcher Neapolitaner" Giuseppe Jacovo und " Ingemisco", eindringlich Alexandr Monastirskys Flehen, "Lamm Gottes, nimm hinweg die Sünden der Welt".
Mabellinis " Lux Aeterna" beweist erneut, geistliche Musik lässt sich effektvoll inszenieren and mit der Kulisse in Einklang bringen. Ja, and wo lässt sich Musik, Tanz and Monument wirkungsvoller vereinen als vor der St.- Llrsen- Kathedrale? Silvia Rietz