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Flensburger Tagblatt - 9. September 2002

Liebesgeschichte voller Melodienseeligkeit

Ein verjüngtes Ensemble mit hervorragenden Leistungen, ein schwungvoll musizierendes Orchester und eine klassische Inszenierung ohne krampfhaft-aktuelle Bezüge: Puccines "La Boheme" wurde am Landestheater vom Publikum begeistert aufgenommen.

Flensburg - Christoph Kalies

"Niemand kann behaupten, dass La Bohème eine gute Oper sei", muffelte ein Kritiker 1896 nach der Uraufführung in Turin. "Die Musik ist zu oberflächlich." Der Mann lag ziemlich daneben, denn bis heute ist Puccinis "La Bohème" eines der erfolgreichsten Stücke. Gerade die unerhörte Melodienseligkeit, gepaart mit höchster musikdramatischer Raffinesse macht die rührende Liebes und Krankengeschichte im Milieu mittelloser Pariser Künstler des 19. Jahrhunderts zu einem großen Erlebnis. Auch an der Flensburger Oper, wo Regisseur Harald Höferl das Stück ganz bei seinem naturalistischen Kern nahm, begeisterte es die Premierenbesucher - nicht zuletzt dank einer hervorragenden Ensembleleistung.

Liebesgeschichte voller Melodienseeligkeit - La Bohème
Höferl bringt keine Randgruppen der Gegenwart auf die Bühne, versucht nicht, dem Ganzen durch Verweise auf Aids Aktualität zu verleihen. Er lässt das Stück in einem zeitlosen Armutsmilieu ablaufen. Als "Quartier Latin" schuf ihm Bühnenbildner Wilfried Sakowitz eine schmuddelig-graue Hinterhoflandschaft. Die Kostümarbeiten Martina Lüpkes orientieren sich an den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts - einer Zeit wirtschaftlicher Krisen.

Ein echter Glücksfall ist, dass das zu Saisonbeginn verjüngte Ensemble Schauspieler zur Verfügung hat, denen man das Studenten- und Künstlerdasein wirklich abnimmt: Giuseppe Jacovo als Dichter Rodolfo ist die ideale Verkörperung des jugendlichen Liebhabers; gesanglich etwas zurückhaltend, aber mit einem sehr wohlklingenden, farbenreichen Tenor.

Den Maler Marcello gibt Jörg Sändig mit unbekümmertem Draufgängertum und knackigem Bariton; Ansgar Hüning brilliert als Musiker Schaunard und Jacek Janiszewski gibt, gehüllt in Existenzialistenschwarz mit langer Mähne und klangvollem Bass, den Philosophen Collin. Diese vier bilden trotz aller Armut eine ziemlich lebensfrohe, ausgelassene Truppe.

Die Rolle der Mimi ist mit Ruxandra Urderian und ihrem klangvoll-facettenreichen, mit großer dynamischer Bandbreite geführten Sopran glänzend besetzt. Für Höferl ist sie nicht das schüchterne Mädchen, sondern selbst aktiv, wenn es um die Liebe zu Rodolfo geht. Antje Bitterlich spielt als Marcellos Freundin Musetta eine witzige Femme Fatale. Opernchor und Statisten des Landestheaters schaffen außerdem zusammen mit den frech aufsingenden Kindern des Flensburger Fördegymnasiums im zweiten Bild eine ungeheuer lebhafte Straßenszene.

Auch was aus dem Graben kommt, hat Klasse: Mit viel Verve und Klangsinn setzt das Orchester unter Generalmusikdirektor Gerard Oskamp die Partitur um. Da gelingen beglückende und ergreifende Momente. Lediglich die ein oder andere dynamische Feinabstimmung mit den Sängern muss sich noch richten. Dennoch: Puccinis "La Bohème" wird sicher auch am Landestheater ein großer Erfolg.

Die nächsten Aufführungen: Flensburg 10., 24., 26. Sep. sowie 4. Okt., Rendsburg 14. Sep.+ 6. Okt. Karten-Tel: 04331 / 23447 (RD), 0461 / 23388 (FL). Internet: www.sh-landestheater.de