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Flensburger Nachrichten - 19. Mai 2003

"Eugen Onegin" als brutaler Macho

Publikumserfolg am Landestheater für Regisseur Höferls Werksicht

Flensburg - Detlef Bielefeld

Gespenster einer desaströsen Vergangenheit verfolgen den alt gewordenen Eugen Onegin - noch einmal vergegenwärtigt sich der Greis schicksalhafte Episoden aus seiner Jugend: Das ist die rahmengebende Sicht von Harald Höferls Neuinszenierung von Peter Tschaikowskys "Eugen Onegin" am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Flensburg. Lyrische Szenen nennt Tschaikowsky seine Adaption des weltberühmten Versromans Alexander Puschkins - die tragische Liebes und Leidensgeschichte eines adligen Müßiggängers aus dem Rußland des 19. Jahrhunderts, eines Mannes voller Melancholie, Dünkel, Amoral und Arroganz.

Höferl formt das Werk um: "Sein" Eugen Onegin in schwarz-bedrohlichen Eleganz ist ein herrisch-brutaler Macho, dem sowohl homoerotische Züge als später auch handfestes Verlangen nach einer Frau zu eigen sind. Jörg Sändig verleiht mit seinem kräftig-gesunden Bariton dieser somit unsympathisch gewordenen Gestalt feste Konturen. Auch sein Dichterfreund Lenski, der in Giuseppe Jacovo einen rollendeckenden Interpreten mit etwas nasaler Höhe findet, ist und bleibt ein feurig-erregbarer Heißsporn. Höferl inszeniert konsequent: Das packende Finale im morbid-schwarzen Ambiente einer erstarrten Gesellschaft (nüchtern-zeitloses Bühnenbildes von Wilfried Sakowitz) gipfelt im Suizid des altgewordenen "Helden".

Eugen Onegin - Giuseppe Jacovo

Die Frage bleibt aber, was bei einer angenommenen Homosexualität eine so plötzlich aufbrechende brutale Begierde nach der einst verschmähten Tatjana bewirkt haben mag. Ruxandra Urderean als Tatjana macht die Entwicklung vom naiven Mädchen zur strahlend-unglücklichen Fürstin mit großem, blühenden Sopran und glaubhafter Rollengestaltung zum Ereignis.

Auch der Chor und die Landessinfoniker unter Gerard Oskamp blieben innerhalb des vorgegebenen Rahmens: weniger lyrische Dezenz als schneidend-effektvolle Attacke! Anstelle von Tschaikowskys Tristesse und Dekadenz eine dramatisch-spannende Werksicht bei sorgfältigster Personenführung - ein umjubelter Publikumserfolg !