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Kieler Nachrichten online - 23. Mai 2003

Der stumme weiße Gast

Der stumme weiße Gast - Eugen Onegin - Giuseppe JacovoSie ist da, noch bevor der Vorhang sich öffnet: die weiße Figur von trauriger Gestalt, Onegins greisenhafter Schatten, der die Ereignisse wie lm Film noch einmal an stumm an sich vorüberziehen sieht, oft willens, wenn auch nicht mächtig, dem Lauf der Dinge eine andere Wendung zu geben. Der weiße Gast erweist sich als gelungener Regieeinfall in Harald Höferls Inszenierung von Peter Tschaikowskys Lyrischen Szenen Eugen Onegin für das Landestheater Schleswig-Holstein. Von Ralf Hutter mit der höchster Konzentration verkörpert, rückt die Titelfigur damit noch mehr ins Zentrum. Höferl richtet seinen Fokus genau auf den Punkt, den der Komponist gegen die Kritik seiner Zelt am meisten zu verteidigen hatte und der diesem Werk zugleich seine Modernität verleiht: den Verzicht auf großes Opernspektakel und äußere Dramatik. Die kleine Bühne kommt dieser Perspektive noch zusätzlich entgegen und schafft für das Publikum eine nachgerade intime Nähe zum Kern des Geschehens, wie sie dem musikalisch szenischen Charakter kaum besser entsprechen könnte.

Da ist denn schnell vergessen, dass während der ländlichen Idylle des Beginns das Orchester noch ein wenig bemüht ist, mit der Bühne in den richtigen Rhythmus und mit sich in eine einheitliche Intonation zu kommen. Selbst die Unebenheiten der deutschen Fassung treten in den Hintergrund, wenn das Qualitätscrescendo in so atemberaubenden Tempo verläuft. Eun-Jin Seo als kokettierend verspielter Wildfang Olga besticht nicht nur stimmlich mit klarster Natürlichkeit, reizt gerade damit den romantischen Ernst ihres leidenschaftlichen Dichterfreundes Lensky zum äußersten. Ihn gibt Giuseppe Jacovo mit ausgesprochen welchem Timbre, das erst in der Szene Todesahnung seine ganze Kraft erreicht

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Tod im Duell: Lensky (Giuseppe Jacovo) stirbt in Onegins Armen
Tod im Duell: Lensky (Giuseppe Jacovo) stirbt in Onegins Armen. Foto Nick

All dies ereignete sich inmitten eines Bühnenbilds, das sich auf die wesentlichsten Requisiten reduziert, und dabei mit ebenso schlicht wirkender wie raffiniert erdachter Raumteilung arbeitet.

Dass die Schlüsselszene der Oper auch der erste Höhepunkt der Aufführung wird, ist einer geradezu kongenialen sängerischen Besetzung zu verdanken. Ruxandra Urderean verfügte mit größter technischer Selbstverständlichkeit über jenes immenses Spektrum an Ausdrucksnuancen, das von der fragilen Zartheit eines wie aus luftigster Höhe heranschwebenden Pianos bis hin zum leidenschaftlich dramatischen Ausbruch reicht und damit allen Ebenen von Tschaikowskys Lieblingsfigur Tatjana in seltener Weise entsprechen vermag.

Jörg Sändig (alternierend mit Ansagar Hüning) steht ihr als sängerisch gleichermaßen souveräner Eugen Onegin gegenüber, der von der Regle stetig im schwarzen Rock gefangen, anfangs ein wenig zu steif und dunkel daherkommt.

Begleitet von einem unter Gerard Oskamp in stete Hochspannung versetzten Orchester, das trotz Kammerbesetzung auch der Zugkraft von Polonaise und Walzer Glanz zu verleihen wusste, strebte das Drama lm Hause des Fürsten Gremin (mit runder Basswürde Markus Wessiak) zielgerichtet der kulminativen Auseinandersetzung Tatjana - Onegin entgegen, die, zunächst mit beeindruckender Personenführung inszeniert, ganz am Ende mit selbstmörderischem Pistolenschuss nach Art einer Provinztragödie ihren eigenen Eindruck tötet: Schade, denn davor liegen zweieinhalb Stunden einer fast perfekten Umsetzung.

Peter Tschaikowsky: "Eugen Onegin". Inszenierung: Harald Höferl; musikal. Leitung: Gerard Oskamp. Landestheater SH. Weitere Aufführungen: 24. Mai, 15. Juni (RD); 30. Mal, 3., 5., 20. Juni (FL); 7. Juni (NMS); 9. Juni (SL).

Von Claudia Müller