Flensburger Avis - 2.Juni 2003
Starker Seelenschmerz
Oper. Tschaikowskys Weg zwischen künstlerischen Triumphen und menschlichen Abgründen ist fast identisch mit "Eugen Onegins" tödlicher Verzweiflung. Die Landestheater-Aufführung ist höchst eindrucksvoll.
Beim Rückblick auf sein Leben wird ein alter Mann über Glücksmomente froh sein und andererseits den verpassten Gelegenheiten nachtrauern. Diese Überlegung bewog den Opernchef Harald Höferl zur Ergänzung einer seit 1879 gültigen Rollenliste
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Ein Alter, der in sich den edlen Liebhaber Eugen Onegin und den schwulen Tschaikowsky vereint, steigert jetzt das Publikumsinteresse. Durch Ralf Hutter. der als reuiger Alter mit dem jungen Onegin synchron geht -und handelt, wird die Dimension des Gespenstischen erreicht.
Aus den seelische Stimmungen widerspiegelnden "lyrischen Szenen" des russischen Komponisten wird eine spannende Opernhandlung. Der Musengöttin muss dieser Kunstgriff gefallen haben, denn sie schickte einen Engel zum Landestheater. Unsichtbar doch spürbar beflügelt er alle Mitwirkenden und macht Höferls Inszenierung zu einem nachhaltigen Erfolg.
Unglückliche Liebe
Die Musik des Russen hat gesteigerte Wirkung. Gerard Oskamp mit den Landessinfonikern verharrt nicht in Seelenschmerz-Lethargie. Hier werden dramatische Akzente gesetzt und das nicht nur in der peitschenden Polonaise oder im großen Walzer-Zauber.
Tatjana, die unglücklich Liebende, wird von Ruxandra Urderean verkörpert. Ihr Gesang ist von leuchtender Kraft. In der heiklen Briefszene zwischen Bett und Schreibtisch gelingt der flammende Ausbruch verzehrender Leidenschaft.
Vor ihrer wütigen Attacke weicht Eugen Onegin zurück. Für ihn ist Tatjana eine Landpomeranze. Später, da sie Fürstin geworden ist, erfasst ihn das Feuer der Liebe. Jörg Sändig (alternierend mit Ansgar Hüning) ist ein eleganter Onegin, stimmlich präsent bis zum Wahnsinnigwerden.

Szene aus der eindrucksvollen Vorstellung "Eugen Onegin" des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters. (Giuseppe Jacovo vorne, kniend)
Vom Freund getötet
Als tragischer Lensky - vom Freund erschossen! - rührt Giuseppe Jacovo jedem Zuschauer ans Herz. Markus Wessiack als Fürst Gremlin ("Ein jeder kennt die Lieb auf Erden") lässt aufhorchen. Eun-Jin Seo ist der froh singende und herumtollende Wildfang Olga. Helmut Tromm als Triquet steuert ein frivoles französisches Couplet bei.
Die von der Intensität des Ensembles durchglühte Aufführung hätte ein Lob von Tschaikowsky verdient. Ähnlich wie es dem Hamburger Kapellmeister Gustav Mahier damals zuteil wurde, der danach als Wiener Komponist die musikalische Seelenanalyse fortsetzte.
Carl Hagens