Flensburger Avis - 3. November 2003
Manon modern aufgemacht
Die Opernkritik
Premiere. Ein Frauenschicksal aus dem 18. Jahrhundert wird vom Landestheater in die Jetztzeit befördert. In Massenets Oper "Manon" brilliert Ruxandra Urderean.
FLENSBURG. Frauen und Liebe ist ein unerschöpfliches Thema. Von Massenet wurde es 1884 nach einer Geschichte von 1721 umkreist. Durch Umsetzung in die Gegenwart weckt die Inszenierung von Renate Liedtke-Fritzsch das Publikumsinteresse heute. Mehr noch: Sie verdeutlicht psychologische Feinheiten und gewährt Einblick in die weibliche Seele. Eine solche Regie wünscht man jeder auf eine Frau ausgerichtete Oper.
Anfangs erschweren Turbulenzen das Verständnis. Generalmusikdirektor Gerard Oskamp entfaltet in italo-dramatischem Stil mit dem Orchester solche Lautstärke, dass man von dagegen anschreienden Sängern kein Wort versteht. Wenn er danach zu Massenets französischer Eleganz findet, dann lauscht das Publikum den schönen Klängen und berückenden Liebesduetten.

Manons verspieltes Glück wird glaubhaft durch Ruxandra Urderean.
(Foto: Steinhusen)
Nach dem ersten Bild ratlose Zuschauer sollten sich nicht die Mühe machen, in einem Opern-Lexikon zu suchen. Aus der dort verzeichneten Handlung nahm die Regie einige Ansatzpunkte zu nunmehr im dritten Jahrtausend selbstgestricktem Krimi. Dessen Schwächen sind nicht zu übersehen, werden jedoch aufgewogen durch die spannende Erzählform.
Nutten und Nonnen
Nicht an der Poststelle 1721, sondern in der Wartehalle eines Flughafens 2002 beginnt die Geschichte. Reich an Kontrasten: Nutten und Nonnen, Kloster und Spielhölle (in der getrickst und geschummelt wird), schließlich Gefängnis und Selbstmord.
Luxus oder Liebe
Die junge Frau steht vor der Wahl zwischen Liebe zu einem attraktiven Mann oder Luxus an der Seite eines reichen Alten. Dass Geldgewinn obsiegt, kommt heute durchaus vor. Aber Manons Beispiel lehrt: Gier nach Reichtum führt ins Unglück.
In Stimme, Erscheinung und Lyrismen plus Temperamentsausbrüchen ist Ruxandra Urderean absolute Hauptperson. "Ich bin Manon", mit diesen drei Worten voll Wohlklang beginnt sie eine Höchstleistung der Sangeskunst. Wunderbar.
Giuseppe Jacovo als junger Liebender ist ein sehr guter Partner. Jörg Sändig als korrumpierter Vetter Lescaut, dazu drei männliche Charaktere und drei Models beleben die Szene. Der Opernchor macht sich vorteilhaft geltend.
Die Regie von Renate Liedtke-Fritzsch bringt Bewegung in jedes Bild. Sie wahrt die Grenzen guten Geschmacks auch in der schwülstigen Halbwelt-Kolportage.
Verdienter Beifall für alle Mitwirkenden.
Carl Hagens