Kieler Nachrichten - 5. November 2003
Auszeit der Musen
Jules Massenets Oper "Manon" am Landestheater
Unbeirrt schematisch kommt sie daher, die Inszenierung von Jules Massenets Oper "Manon" am Landestheater, die Chefdramaturgin Renate Liedtke-Fritzsch auf die Bühne gebracht hat.
Von Oliver Stenzel
Unbestätigten Gerüchten zufolge gibt es ihn wirklich, den streng geheim gehaltenen Universalratgeber für Opernregisseure, deren Musen sich gerade eine Auszeit genommen haben. Wer mit der abwesenden Inspiration zu kämpfen hat, kann hier nachschlagen und -lesen, dass man die Adelsgesellschaft des 19. Jahrhunderts heute grundsätzlich immer mit der Celebrity-Schablone abbildet, dass auf der Bühne unbedingt getrunken werden muss, dass Kokain-Heftchen und Handfeuerwaffen Gegenwartsbewusstsein signalisieren und der ehemals gesundheitsbedingte Tod der Heldin natürlich ein Selbstmord ist.
Vielleicht hat Renate Liedtke-Fritzsch, Chefdramaturgin des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, ja ein wenig in diesem Werk herumgeblättert, bevor sie sich daran machte, Jules Massenets Manon in Szene zu setzen. Denn ihre Lesart einender meistgespielten französischen Opern kommt am Sonnabend im gut besuchten Flensburger Theater so unbeirrt schematisch daher, dass der unvermeidliche Schreckschusspistolenknall im letzten Bild der einzige zumindest akustische Weckruf bleibt, der hier auszumachen ist.
Ruxandra Urderean als kokettierende Manon und Giuseppe Jacovo als ihr Gegenüber Chevalier Des Grieux - Foto Landestheater
Ansonsten präsentiert Liedtke-Fritzsch zweieinhalb Stunden lang Tristesse Royale statt Femme fatale: Ihre Umsiedlung des Stoffes in eine imaginäre Jetset-Szene wäre sicher halb so berechenbar, wenn hinter ihr ein wirkliches "Ja" zur Gegenwart zu entdecken wäre. Aber die Spaßgesellschaft, die hier in der Flughafen-Lounge flaniert, wirkt gestrig und verkleidet, weil die alten Kostüm-Klischess lediglich durch neue ersetzt wurden (Ausstattung: Hans Ellerfeld).
Verve und Frische darf man an diesem Abend nur mit den Ohren suchen. Man findet sie beispielsweise im Orchestergraben, in dem Gerard Oskamp mit energischem Drive die musikalischen Tiefen des Stückes erkundet, die das Regiekonzept ausspart. Es ist schon eindrucksvoll, dass in der durchaus sportlich angelegten Interpretation des Flensburger GMDs trotzdem so viel Raum für die vielfältigen Tonfälle des Werkes bleibt, die von einem sehr zugkräftig agierenden Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchester verlässlich eingefangen werden. Ruxandra Urderean nutzt diese schöne Orchesterbasis für eine differenziert kokettierende Manon, lässt ihren kraftvoll-lyrischen Sopran fürstlich schillern und klingt dabei frei und unangestrengt in allen Lagen.
Giuseppe Jacovo gibt als Chevalier Des Grieux ein angemessenenes Gegenüber ab, liebt und verzweifelt mit hellem Tenor überzeugend, mitunter jedoch auch dicht an der Grenze zur sängerischen Übertreibung. Deutlich beherrschter dagegen Ansgar Hüning als elegant und flüssig formulierender De Bretigny sowie Markus Wessiack als sensibel donnernder Graf Des Grieux. Lescaut schließlich; dessen ohnehin nicht ganz weiße Weste von Liedtke-Fritzsch zusätzliche Flecken verpasst bekommt, wird hier ebenfalls stimmig von Jörg Sändig verkörpert.
Wenn also der Schlussapplaus gross ist, liegt das sicher an der überzeugenden musikalischen Umsetzung, aber natürlich auch an einer Inszenierung, die sich modern gibt, dabei aber so konservativ bleibt, dass sie trotzdem altbacken wirkt. Mag sein, dass man bestimmte Hörerkreise mit einer solchen Doppelstrategie auf den Sitzen hält. Der Spagat, aus dem sich die Flensburger Manon nicht einen Moment lang zu befreien vermag, ist dafür allerdings auch ein hoher Preis.